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«Ein Bubentraum, der jeden Tag in Erfüllung geht»

28.11.15

Wer eine Führung von Geschäftsführer Andi Lieberherr auf dem Burgrain miterlebt, merkt schnell: Da ist einer mit Leib und Seele bei der Sache. Mit umfassendem Lebensmittelwissen, einer Vorliebe für ehrgeizige Ziele und Begeisterung treiben Andi Lieberherr und sein Team das Projekt erlebnis agrovision der Stiftung Agrovision Muri in stetigen Schritten voran.


Interview: René Loner

Herr Lieberherr, man hört auf Ihren Führungen manchmal, hier sei Ihr Bubentraum in Erfüllung gegangen. Was hat es damit auf sich?
Schon als Kind hatte Essen für mich einen zentralen Stellenwert. Bei uns auf dem Bauernhof kam längst nicht jeden Tag Fleisch auf den Tisch. Umso grossartiger war, wenn es dann ein währschaftes Znünibrot gab: mit dicken Scheiben vom Fünfpfünder-Schwarzbrot, viel Butter und selbergemachtem Fleischkäse. Oder mit dem Schinken, den wir nach der Hofmetzgete ins Chämi gehängt hatten. Das waren die besten Mahlzeiten der Welt! Später ging’s dann bergab.

Womit?
Eben, mit dem Znünibrot. Vordergründig hat man als Konsument heute auf allen Kanälen eine riesige Vielfalt, aber für mich schmeckt das alles gleich. Drum musste es wahrscheinlich so kommen, dass ich nach verschiedenen Aufgaben in der Milch- und Fleischwirtschaft sowie im Biohandel vor knapp acht Jahren die Chance bekam, 'erlebnis agrovision' von Grund auf anzugehen und voranzutreiben. Das passt einfach hervorragend zu meinem eigenen Traum: Wieder Lebensmittel produzieren, die den Geschmack haben, den sie vor vierzig, fünfzig Jahren hatten! Und das fängt bei so etwas Einfachem an wie dem Eingeklemmten.

Und was ist daran so schwierig?
Es geht darum, etwas ganz Gewöhnliches in einer so guten Qualität herzustellen, dass schon jeder Bestandteil für sich genommen überzeugt. Das schmeckt in der Kombination dann einfach perfekt. Drum sind wir sehr stolz, dass wir auf dem Burgrain nach mehrjähriger Aufbauarbeit nun alles herstellen, was es dazu braucht: Brot aus dem Holzofen, Käse und Butter aus der Hofkäserei und Fleisch aus unserer neu eröffneten Fleischverarbeitung. Es war nicht immer einfach, an diesen Punkt zu kommen.

Wo trafen Sie auf Schwierigkeiten?
In gewisser Weise drehen wir bei 'erlebnis agrovision' das Rad der Zeit zurück, indem wir uns wieder zum ursprünglichen Geschmack durchkämpfen. Wir stellen vieles in Frage, was heute in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelverarbeitung als normal gilt. Das braucht Mut, um dranzubleiben, wenn viele skeptisch sind. Und es braucht Fachleute, die ebenfalls Lust haben, etwas Neues auszuprobieren und es aushalten, dass nicht alles im ersten Anlauf gelingt, wenn man neue Wege geht.

Können Sie ein Beispiel machen?
Unsere Idee, Trockenfleisch oder Würste ohne chemische Zusätze herzustellen, wurde anfangs belächelt. «Geht nicht», hiess es. Wir haben gesagt: «Das muss gehen», haben viel experimentiert und Spezialisten beigezogen, die unser Anliegen sympathisch fanden und daran mitgearbeitet haben. Mit dem Ergebnis, dass wir heute biologische Fleischspezialitäten und Wurstwaren herstellen können, die statt Nitritpökelsalz, Phosphat und weiteren E-Stoffen, rein natürliche Inhaltsstoffe wie Meersalz und Gemüse-Pulver enthalten.

Und trotzdem den Lebensmittelgesetzen entsprechen
Natürlich. Und das kann ein täglicher Kampf sein. In unserer Hofkäserei zum Beispiel verarbeiten wir ja ausschliesslich Rohmilch. Dieser lebendige Grundstoff ist für den Geschmack unserer Produkte unerlässlich. Er fordert gleichzeitig aber massive Anstrengungen, um den Hygienevorschriften von heute gerecht zu werden.

Sie produzieren auf dem Burgrain nicht nur. Sie begrüssen auch jedes Jahr Tausende von Besuchern.
Das ist auch Teil unserer Stiftungsauftrags und unserer Vision. Wir möchten, dass sich die Leute bei uns Gedanken über Lebensmittel, Genuss und nachhaltige Landwirtschaft machen können. Nicht in einem theoretischen Rahmen, sondern auf einem realen Produktions- und Verarbeitungsbetrieb mit seinen vielen Facetten. Da spüren wir ein grosses und ernsthaftes Interesse bei Besuchern. Die Leute sind von etwas Einfachem fasziniert, wenn sie die Hintergründe verstehen. Das gibt immer spannende Gespräche.

Die Aufbauphase von erlebnis agrovision ist abgeschlossen. War’s das für Sie?

Nein, nein. Denn erstens ist die Arbeit an unseren Produkten und am Erlebnis, das wir unseren Besuchern bieten wollen, eigentlich nie abgeschlossen. Und zweitens werden wir weiter an der Wirtschaftlichkeit arbeiten, die auf die Länge ja auch zur Nachhaltigkeit gehört. Diesbezüglich legen wir die Hürden selber hoch: weil wir keine Kompromisse bei der Qualität unserer Produkte machen und ein bisschen wählerisch sind, was unsere Verkaufspartner anbelangt. Solange ich hier etwas nütze, gibt es keinen Grund, etwas anderes zu machen.